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Earth Hour. Eine Stunde für die Erde. Und in dieser Stunde ein Zeichen setzen – darum geht es bei der internationalen Aufforderung des WWF, der auch dieses Jahr unzählige Gemeinden in mehr als 70 Ländern folgten und für eine symbolische Stunde das Licht ausschalteten. Das Familienzentrum Bammental nutzte diese Stunde am vergangenen Samstag Abend auf Bitte der Klimaschutzbeauftragten für Neckargemünd und Bammental, Susanne Lang, und erzählte bei Kerzenschein eine ungewöhnliche Geschichte. Genau genommen war es die Geschichte, wie absurd sich die Menschen seit Jahrtausenden gegenüber der Natur verhalten und auch gegenüber sich selbst. Wie die Menschen zusehends aus den Augen verlieren, dass dieser Planet ihr Zuhause ist, sie schützt und trägt. Erzählt wurde diese Geschichte in vielen einzelnen Erzählfragmenten, in Nachrichtenfetzen, Ankündigungen, Märchen, Szenen, Utopien und – auf musikalische Art und Weise.

 

Hier 7 der lesenden „Jägerinnen“ bei der Generalprobe zur Lesung im Kerzenschein

 
Das Familienzentrum war bis auf den letzten Platz besetzt, wie Annette Rehfuß in ihrer Funktion als stellvertretende Bürgermeisterin in ihren Begrüßungsworten freudig feststellte. Wie all die „funkelnden Fragmente“ des Abends durch ein unsichtbares Band wiederkehrender Motive und vor allem der immer wiederkehrenden Figur der „Jägerin“ zu einem zusammenhängenden Ganzen würden, das würden die Zuhörer selbst erahnen, kündigte Konstanze Keller die Geschichte vom PFAD DER JÄGERIN an, und schon bald tauchte das Publikum in eine rasche Reise durch die Epochen der Menschheit ein. Von der Steinzeit über die Zeiten, in denen das Wünschen noch geholfen hat, ging es über Mittelalter, Pest, 17. Jahrhundert, 30-jährigen Krieg, das Erlegen des letzen Wolfs im Odenwald bis hin zum Reaktorunglück in Tschernobyl, der Wahl eines Donald Trumps und über unsere Gegenwart hinaus bis in Jahr 2160, in der zunächst alles verloren scheint. Sukzessive lässt dabei der Glaube der Menschen an das Wohlwollen der Natur nach, Vernichtung und Zerstörung hingegen nehmen zu. Doch in jeder aufblitzenden Episode stellt sich eine Jägerin als Hoffnungsträgerin der Absurdität und Vernichtung entgegen, fordert zum Tun auf, solange es nicht zu spät ist.
 
 

Markus Lemke bereicherte die Lesung als Sprecher durch die Jahrhunderte

 
Das Bammentaler Ehepaar Beate und Bernd Segnitz bettete die erzählerischen Elemente in die kraftvolle, urwüchsige Musik ihrer Nyckelharpas ein, uralte, traditionelle Instrumente aus Schweden, die Verzweiflung, Triumph, Sehnsucht und Hoffnung, aber auch Lebensfreude in Klängen durch das Familienzentrum hallen ließen, die auf alle wie eine Aufforderung zur Bewegung, zum Tanz wirkten.
 
 

Beate und Bernd Segnitz begeisterten mit den historischen Tastenfiedeln (Nyckelharpas)

 
Nicht eine, sondern zwei Stunden hörte das Publikum gebannt zu, wie Erzählung, Musik und Nachrichtenkommentare – kongenial gesprochen von Sänger und Rezitator Markus Lemke – ineinandergriffen und ein großes Ganzes webten: eine Spirale, die sich noch immer fort windet, und sich im Kerzenschein auch ganz real über den Aufführenden von der Decke herab drehte.
Wie die Aufführenden später erzählten, hatten sie ihre Texte und Musikstücke schon radikal gekürzt, um das Programm auf 90 Minuten zu begrenzen, und der Blick zur Uhr habe alle mächtig ins Schwitzen gebracht. Doch zur Freude aller blieb das Publikum, nachdem ein kaum enden wollender Applaus die KünstlerInnen für ihre Aufführung belohnt hatte, noch mehr als eine weitere Stunde im Familienzentrum, um zu reden und Freude und Inspiration zum Ausdruck zu bringen. Dass Greta Thunberg die jüngste „Jägerin“ ist, die ganz aktuell auf den Plan trat, nachdem die Geschichte vom PFAD DER JÄGERIN längst geschrieben war, sorgte für ein Gefühl, selbst mitten in dieser Geschichte zu stecken. Sorgte für eine Stimmung des Aufrufs, selbst aktiv zu werden. Der Abend vermittelte, dass – wir alle – Figuren der hier erzählten Geschichte sind. Dass ausgerechnet der jüngste Leser – mit gerade mal 15 Jahren – das Eis in seiner Zukunftsvision schließlich schmelzen ließ, gab allen das hoffnungsvolle Gefühl, dass es noch nicht zu spät ist.
 
 

Sie schrieben und lasen: Helga Cichos, Caroline Pfeiffer, Petra Höfker, Susanne Boeuf, Konstanze Keller, Ilka Schlüchtermann, Ulla Wagner und Ben Wagner

 
Alle Texte wurden von TeilnehmerInnen der Bammentaler Schreibwerkstätten selbst geschrieben, teilweise unter Einbeziehung von Originalzitaten, alten Zeitungsberichten aus dem Odenwald und Nachrichtensendungen.
Niemandem fiel auf, dass ganz vergessen wurde, das Licht am Ende der Earth Hour wieder anzumachen. Die Kerzen, die nicht das einzige waren, das an diesem Abend die Luft nahm, reichten mit ihrem Licht vollkommen aus. Die Frage, ob das Familienzentrum auch im nächsten Jahr einen Beitrag zur Earth Hour leisten würde, wurde jetzt schon kräftig bejaht, in der Hoffnung, dass auch weitere Gemeinden und Institutionen diese Stunde für die Erde mit Veranstaltungen bereichern würden. Die Nyckelharpas sind übrigens schon am Freitag, 17. Mai, wieder im Familienzentrum zu hören, wenn Beate und Bernd Segnitz zusammen mit einer weiteren Tastenfiedel-Spielerin zu einem musikalisch umramten Vortrag über das originelle Instrument einladen.
 
 

Ilka Schlüchtermann war die Erzählerin der Gegenwart und stellte den Tweets von Präsident Trump die junge Zora entgegen, die als FSJ-lerin beschließt die Welt zu retten.

Vlnr: Helga Cichos, Caroline Pfeiffer, Susanne Boeuf, Konstanze Keller, Markus Lemke, Beate Segnitz, Bernd Segnitz, Petra Höfker, Ulla Wagner, Ben Wagner. Leider fehlt: Ilka Schlüchtermann

 
Alle Fotos © Franz Schulz